Komplementäre Therapiemethoden bei MS

Ergänzende Therapien können MS-Patienten dabei unterstützen, Symprome zu lindern und mit der Erkrankung umzugehen. Dabei ist allerdings Vorsicht geboten, denn nicht alle Verfahren sind erprobt.

Veröffentlicht am

6.12.2023

Zuletzt aktualisiert am

28.5.2024

In Deutschland leben derzeit etwa 280.000 Menschen, die an Multipler Sklerose erkrankt sind. MS - eine Erkrankung, die wir aktuell noch nicht heilen können. Dank der ausgeprägten Forschung gibt es jedoch eine große Auswahl an Medikamenten, die das Fortschreiten der multiplen Sklerose verzögern und die Symptomlast senken. Dennoch sind einige Betroffene in ihrem Alltag eingeschränkt, ob durch die Symptome, die nicht oder nicht ausreichend behandelt werden können, oder Nebenwirkungen der Medikamente. So ist es wenig verwunderlich, dass sie in ihrer Not auf komplementäre Therapiemethoden zurückgreifen. Verschiedene Studien zeigen, dass 60-70% der MS-Patient:innen solche Verfahren und Methoden nutzen. Vielleicht hast ja auch du schon einige Erfahrungen in diesem Bereich gesammelt.

Als solche komplementäre oder alternative Therapie bezeichnet man unkonventionelle Verfahren, die von der westlich schulmedizinischen Behandlung abweichen. Diejenigen, die regelmäßig komplementäre Therapien nutzen, berichten, dass es ihr Wohlbefinden nachhaltig verbessert. Dieser positive Effekt ist jedoch bei der Mehrzahl dieser Therapien nicht wissenschaftlich belegt. Das Problem ist, dass neben diesem nur vermuteten positiven Effekt einige Therapien auch ernsthafte Gefahren mit sich bringen. Einzelne Methoden können deine Gesundheit gefährden und die multiple Sklerose verschlechtern. Erschwerend kommt hinzu, dass die meisten Nutzenden nicht mit ihren behandelnden Ärzt:innen über diese zusätzlichen Therapieformen sprechen. So kann es dazu kommen, dass dein:e behandelnde:r Ärzt:in Interaktionen zwischen den Therapien nicht erkennen kann. Und während die teure medikamentöse Therapie von der Krankenkasse übernommen wird, müssen Patient:innen diese komplementäre Behandlung selbst bezahlen. Somit besteht auch ein finanzielles Risiko. Eine deutsche Studie zeigt, dass die Betroffenen jährlich etwa 1.000 Euro für komplementäre Behandlungen ausgeben.

Wir wollen heute einige der gängigsten Therapieverfahren vorstellen und vor allem auf mögliche Gefahren und Risiken hinweisen.

Homöopathie

Die Homöopathie ist eine weit verbreitete Heilmethode. Grundlage der Homöopathie ist die Hypothese, dass ein stark verdünntes Arzneimittel genau die Beschwerden heilen kann, die es in erhöhter Dosis selbst erzeugt. Betroffene berichten bei der MS spezialisierten Homöopathie von einer Linderung neurologischer Symptome, Blasen- und Stuhlgangbeschwerden und einer Verbesserung des Allgemeinzustandes. Diese positive Wirkung dieser Behandlung konnte in zahlreichen Studien bisher nicht nachgewiesen werden. Deshalb ist die Homöopathie wissenschaftlich stark umstritten.

Ayurveda

Bei Ayurveda handelt es sich um ein Verfahren der ganzheitlichen indischen Heilkunst. Es ist eine Kombination aus Yoga, äußerlichen Behandlungen (z.B. Massagen) und einer innerlichen Therapie, bestehend aus der Ernährung, Gewürzen und Heilkräutern. Während sowohl Yoga als auch die äußerlichen Behandlungen eine entspannende Wirkung haben können, kann von der innerlichen Therapie hingegen eine ernsthafte Gefahr ausgehen. Es gibt Berichte über die schädliche Wirkung von ayurvedischen Kräutermedikamenten bis hin zu Vergiftungen durch verunreinigte Medikamente. Hier solltest du also besonders wachsam sein.

Akupunktur und Akupressur

In der Akupunktur werden Nadeln in spezifischen Körperpunkten platziert. Bei der Akupressur hingegen üben Therapeut:innen Druck mittels ihrer Finger auf definierte Körperpunkte aus. So sollen Neurohormone und Opioide freigesetzt werden. In der MS soll dadurch das Fortschreiten der Erkrankung verlangsamt oder umgekehrt werden. Zwar haben beide Verfahren in den vergangenen Jahren einen immer höheren Stellenwert erlangt, dennoch ist die Wirksamkeit aktuell wissenschaftlich noch nicht nachgewiesen. Trotzdem kann ein Therapieversuch auch für dich sinnvoll sein, um Schmerzen und Muskelkrämpfe zu lindern. Außerdem vermuten Expert:innen, dass sich die Akupunktur positiv auf die Fatigue bei der MS auswirken kann.

Weihrauch (Boswellia)

Weihrauch ist ein Medikament der indischen Naturheilkunde. Ihm wird wegen den darin enthaltenen Boswellia-Säuren eine entzündungshemmende Wirkung nachgesagt. Er soll kognitiven Einschränkungen entgegenwirken, doch auch das konnte in Studien nicht nachgewiesen werden. Sei besonders vorsichtig bei freiverkäuflichen Präparaten. Das Weihrauchextrakt kann zu Magen-Darm-Beschwerden und allergischen Reaktionen führen.

Ernährung

Mittlerweile ist allgemein bekannt, dass eine Mangel- oder Überernährung und unregelmäßiges Essen gesundheitsschädlich sein können. Spezifisch bei der MS kann so ein ungünstiger Krankheitsverlauf befördert werden. Einige Nahrungsmittel und Nahrungsergänzungsmittel werden wegen einer potentiell positiven Wirkung auf die MS diskutiert. Expert:innen vermuten, dass die asiatischen Pflanzen Ginseng und Gingko sich positiv auf die Erkrankung auswirken. Auch die Linolensäure, die vor allem in Leinsamen oder Raps vorkommt, oder auch Flavonoide, die verschiedenen Lebensmitteln ihre Farbe verleihen (z.B. Blaubeeren) werden in diesem Kontext diskutiert. Genau wie die allgemein bekannten Nahrungsmittel Kurkuma, Zimt oder Cranberries. Einige dieser Nahrungsmittel kannst du problemlos ohne großes finanzielles oder gesundheitliches Risiko dosiert in deine Ernährung integrieren. Problematisch wird es dann bei den teilweise sehr teuren Nahrungsergänzungsmitteln, die mit verlockenden Wirkweisen werben, die jedoch bisher nicht bewiesen sind. Somit bestehen auch in diesem Feld aktuell noch viele Unsicherheiten und finanzielle Risiken. Falls du mehr über die Ernährung und ihre Wirkung auf die MS erfahren möchtest, schau doch bei unserem Blogartikel zum Thema Antientzündliche Ernährung bei MS vorbei.

Yoga

Yoga ist mittlerweile mehr als nur ein Sport-Trend. Yoga verbindet Meditation und eine bewusste Atmung mit Bewegung oder Haltung. Studien zeigen, dass Yoga die Fatigue bei MS-Patient:innen lindern kann. Darüber hinaus verbessert Yoga deine Mobilität, Koordination und das allgemeine Wohlbefinden. Zum Thema Mediation findest du mehr in unserem Blogartikel dazu.

Unwirksame und gefährliche Therapien

Nachdem wir uns bisher einige Therapiemethoden angeschaut haben, die im ständigen Diskurs stehen, ob sie bei der MS hilfreich sein könnten, wollen wir nun auf Therapien hinweisen, die gesichert unwirksam oder sogar schädlich sind.

Enzymkombinationen werden als Tabletten oder Kapseln zu stolzen Preisen verkauft. Eine kontrollierte Studie konnte nun zeigen, dass die Einnahme solcher Mittel sich nicht positiv auf die MS auswirkt. Ein Beispiel ist das häufig genutzte Coenzym Q10.

Das Gleiche gilt für die so genannte Sauerstoff-Überdruck-Therapie (hyperbarer Sauerstoff). Es wurde vermutet, dass das Einatmen von Sauerstoff unter Überdruck das Fortschreiten der MS aufhalten könne. Zahlreiche Studien haben dies in den letzten Jahren widerlegen können.

Eine weitere Vermutung ist, dass ein Zusammenhang zwischen dem Vorkommen von Amalgam-Zahnfüllungen und der MS bestehe. Eine Amalgam-Entfernung solle hier Abhilfe schaffen. Fallkontrollstudien konnten diesen Zusammenhang nicht belegen.

Eine Mehrzahl der bisher genannten Therapien hat keine belegte Wirkung, dennoch weisen die meisten keine bis geringe Nebenwirkungen auf. Die folgenden Therapien bringen dahingegen ernsthafte Gefahren mit sich.

  • Immunaugmentation (Wirkstoffe sollen die Immunreaktion verstärken): Infektions- und Allergierisiko bis hin zur Verschlechterung der MS
  • Schweinehirn-Implantation in die Bauchdecke: Infektionsrisiko bis hin zur Verschlechterung der MS und Todesfällen
  • Frischzellentherapie (Zellaufschwämmungen von Kälbern und Lämmern werden injiziert): Infektions- und Allergierisiko bis hin zum Kreislaufversagen
  • Gift Therapie (Bienen-, Schlangen-, Seeanemonengift): Risiko schwerer Allergien bis hin zum Kreislaufversagen
  • Intrathekale Stammzelltherapie (die eigenen Stammzellen werden in den Rückenmarkskanal gespritzt): Schwere Nebenwirkungen bis hin zum Tod

Bei der Behandlung der Multiplen Sklerose lohnt sich ein Blick über den Tellerrand - jedoch nur mit besonders wachsamen Augen. Es gibt einige Therapiemaßnahmen, die als Ergänzung zu der schulmedizinischen Therapie sinnvoll erscheinen. So rücken z.B. die Akupunktur, Yoga oder auch die Ernährung immer mehr in den Fokus bei der MS-Therapie. Und auch, wenn hier die Evidenz aktuell noch nicht ausreichend für eine offizielle Empfehlung ist, kann ein Versuch sinnvoll sein. Das gilt aber nicht für alle Maßnahmen. Denn einige bergen ein hohes finanzielles Risiko und vor allem ein gesundheitliches Risiko. Daher solltest du jede Form der Therapie, die du eigenständig beginnst, sei es auch nur ein “Heilkräuter-Tee”, mit deiner Ärztin oder deinem Arzt besprechen.

Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft, Bundesverband e.V.: Welche Bedeutung haben Entspannungsmethoden bei MS?

Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft, Bundesverband e.V.: Komplementäre Therapien bei MS

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